Rudi hatte nach seinem allmorgendlichen Porridge und der Zerr-Dorn-Pfeife Lust bekommen, es nochmals mit den Forellen zu versuchen. So kramte er seine Ausrüstung wieder zusammen, schwang ein Bein über

den Rand der Veranda, sah kurz nach unten, um die erste Sprosse der Hängeleiter nicht zu verfehlen – und sah sie...!

Blitzartig war er wieder oben, lag auf dem Bauch und schob sich langsam zum Rande vor. Sein Verstand arbeitete dabei fieberhaft. Dann lugte er in die Tiefe. Tatsächlich! ‘Ein mir unbekanntes Wesen’, dachte er sich: ‘daher auch meine erschrockene Reaktion, fast als gebe es Gefahr – kenne ich ja gar nicht von mir...’ Er betrachtete die unten im Moos liegende Gestalt mit unverhohlener Neugierde. Alles, was er sehen konnte, war jedoch der graue Umhang, in den die Person sich ganz und gar geschlungen hatte. Nichts war zu sehen außer dem langen rotbraunen Haar. Er wusste sofort, dass es sich um ein weibliches Wesen handelte. Rudi war mit seinen knapp vierzig Jahren zwar noch ein recht junger Mann unter den Pelzern: ‘aber ein Mann ist ein Mann und weiß, wenn er eine Frau vor sich hat! ‘, dachte er bei sich.

‘Was war jetzt zu tun? ‘, fragte er sich, ‘warum lag diese fremde Frau ausgerechnet unter seiner Wohn-Eiche? ‘

Als erstes holte er leise und vorsichtig die Hängeleiter ein – somit war ihr der direkter Zugang zu seinem Reiche erst mal abgeschnitten. Aus der Küche holte er eine Handvoll getrockneter Kichererbsen, zielte sorgfältig und ließ eine auf den Kopf der Gestalt fallen. Nun muss dazu gesagt werden, dass bei einem Fall aus gut zwanzig Fuß Höhe selbst eine kleine getrocknete Erbse mit der Wucht eines Kieselsteines auftrifft. Dementsprechend laut und schmerzverkündend war der Aufschrei von der kleinen Gestalt am Waldboden. In Nullkommanichts war sie auf den Beinen, tat aber noch so als wüsste sie nichts von dem Baumbewohner hoch über ihr und blickte suchend in alle Richtungen. Rudi tat es ein wenig leid, dass er ihr wehgetan hatte. Darum ließ er seinen restlichen Erbsenvorrat, mit dem er hatte werfen wollen schnell in die Jackentasche gleiten und räusperte sich vernehmlich. Nun sah sie hoch und gewahrte sein Gesicht am Rande der Plattform. Sie ballte eine Faust und schüttelte sie in seine Richtung und schrie dabei:

„Elender!“

„Es tut mir aufrichtig leid“, beeilte Rudi sich zu bemerken. „Aber irgendwie musste ich dich doch wachkriegen...“

„Wieso? Was geht dich mein Schlafen oder Wachen an?!“, bellte sie zu ihm herauf.